Rechbergreuthen - Ein Dorf entsteht
 
Nachdem die Römer im 5.Jahrhundert ihre Grenzkastelle in Günzburg und am Bürgele bei Gundremmingen aufgaben, wurde unsere Region durch die Alemanen besiedet. Diese Besiedelung fand entlang der Flüsse in Richtung Süden, in drei großen Wellen statt. Während der letzten Besiedelungswelle im 13. und 14.Jahrhundert entstanden auch die Rodungssiedlungen bei uns im Holzwinkel.
Nach den Ortschaften wurden auch zahlreiche Klöster gegründet, wie zum Beispiel 739 n. Chr. das Kloster von Fultenbach. In dieses Gebiet fielen im 10.Jahrhundert immer wieder die Ungarn ein. Sie beraubten und zerstörten überwiegend Klöster, hiebei wurde auch das Kloster Fultenbach vollkommen zersprengt. Als Folge dieser ständigen Angriffe erbauten die Feudalherren zur besseren Verteidigung die sogenannten Burgstääle, wie zum Beispiel die Geigenburg bei Eichenhofen und der Schlossberg bei Winterbach.
Durch eine Stiftfamilie wurde 1130 das Kloster Fultenbach wieder gegründet.
Bis zur Gründung der Rodungssiedlungen waren unsere Wälder fast unberührt. Nur vereinzelte Siedlungen wie Waldkirch, Winterbach, Delkenmühle, Eichenhofen und die Pfarrsiedlung bei Baiershofen bestanden bereits.
Die Herrschaftsverhältnisse waren zu dieser Zeit in unserer Region äußerst verwirrend.
Das arbeitende Volk war durch Grundherrschaft und Leibeigenschaft seinen Feldherrn untergeordnet. Die Not der Leibeigenen und der nachgeborenen Bauernsöhne war groß. So war es ihnen fast unmöglich einen eigenen Haus- und Familienstand zu gründen.
Maßgebend für die Gründung von Rechbergreuthen waren als Grundherren die Marschälle von Pappenheim, die auch die Beinamen wie derer von Biberach und derer von Rechberg führten. Dieses Geschlecht der Pappenheimer hat sich durch große Verdienste das erste Amt am Kaiserhofe erworben. Aus einem Urbar (ein Zusammenstellung der Besitztümer) der Pappenheimer aus der Zeit um 1220 erfahren wir von deren Besitztümer bei uns:
Z.B. Höfe in Winterbach, die Delkenmühle und die Burg Rechberg. Aus dieser Zeit ist auch bekannt das die Pappenheimer Wälder bei Rechbergreuthen dem Kloster Fultenbach schenkten. Bereits um 1250 wurden durch die Pappenheimer Rodungssiedlungen auf den Höhenrücken bei Pappenheim (Altmühltal) in Auftrag gegeben, die der Anlage unserer Rodungssiedlungen sehr genau entsprechen.
Die jungen Marschälle von Pappenheim Heinrich VIII. und Hiltprand I. vermehrten in ernster und vertraulicher Zusammenarbeit ihren Besitz. 1279 einigten sie sich im beiderseitigen gutem Einverständnis darauf den Gesamtbesitz unter sich aufzuteilen. Die geschah per Losentscheid wobei Hiltprand I. die Güter südlich der Donau erhielt. Auch nach dieser Teilung führten sie noch viele Geschäfte gemeinsam durch. 1287 erteilte Heinrich VIII in seinem Gebiet bei Pappenheim, dem Rodungsmeister von Göhren einen neuen Rodungsauftrag für den Ort Heide. Hiltprand I. erwarb durch Tausch im Februar 1293 weitere Güter und Burgställe bei Eichenhofen, Winterbach und Holzheim. Die Vermutung liegt nahe, daß Hiltprand wie sein Bruder Heinrich eventuell schon damals den Rodungsauftrag für Rechbergreuthen erteilt haben könnte, was bisher jedoch nicht urkundlich nachweisbar ist. Belegbar ist aber, daß in dieser Zeit bis 1350 alle Rodungssiedlungen in unserem Bereich angelegt wurden.
Erstmals wurde Rechbergreuthen, damals Ruetin, am 22.2.1346 in einer Urkunde des Klosters Fultenbach erwähnt.
Die Gründung erfolgte durch den Grundherrn, indem dieser einen Rodungsmeister beauftragte. Hierbei war von Anfang an der Gemarkungsbereich genau definiert. So gehört schon immer der Schlossberg und die Delkenmühle bei Winterbach zu Rechbergreuthen. Wer heute noch die gut erkennbaren Wallanlagen dieses Burgstalles besichtigt, kommt anschließend in östlicher Richtung mühelos auf fast ebenem Gelände an das südliche Ende von Rechbergreuthen. Damals war es die Aufgabe des Rodungsmeisters den neuen Ort bestmöglichtst in das genau vorgegebene Gebiet zu platzieren. Als erstes wurde von Nord nach Süd die ca. 60m breite Hauptachse des neuen Ortes gerodet, hier kam später der Anger zum Liegen. Anschließend wurden im Westen 10 und im Osten 11 Höfe mit 45 m Breite und 110 m Tiefe angelegt. Die weitere Rodung erfolgte nun hinter den Höfen in einer Länge bis über einen Kilometer. Als Rodungsziel war vorgegeben, daß jeder Hof 25,5 Hektar zur Bewirtschaftung zur Verfügung haben sollte. Dazu erfolgten weitere Rodungen im Süden und im Norden des Dorfes und dann auch im Glötttal. Da die ersten 10 Jahre abgabenfrei waren, ist davon auszugehen, daß die wichtigsten Rodungen bis dahin durchgeführt waren. Die Rodungssiedlungen wurden auch " die Dörfer nach neuem Recht " genannt, denn durch diese Rodungsarbeiten konnten sogar Leibeigene zu freien Bauern werden. Im neuen Dorf waren alle frei und hatten das gleiche Recht und zu Anfang auch den gleichen Besitz. Das Dorf wählte sich seinen eigenen Gemeinderat den sogenannten "Vierer" mit eigener Gerichtsbarkeit. Somit waren die neuen Dörfer wesentlich besser gestellt als die umliegenden alten Siedlungen. Aus diesen Gründen ist höchster Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß auch Winterbacher und Waldkircher Rechbergreuthen gerodet haben und so zu freien Bauern wurden. Natürlich wurde später von der Grundherrschaft versucht diese Rechte wieder rückgängig zu machen, was auch vielerorts gelang, jedoch nicht in Rechbergreuthen. Das Dorf hat in dieser Beziehung und im Ortsbild seine Ursprünglichkeit lange erhalten und gilt noch heute als eines der Zeugnisse der damaligen Siedlungsepoche. In Vorlesungen an der Universität in München und in vielen Geschichtsbüchern wird deshalb eingehend über Rechbergreuthen berichtet.
Peter Weigelt  
 
Karte aus: Johann Lambert Kolleffel - Schwäbische Städte und Dörfer um 1750
 
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